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Trailer Frauenmuseum Hittisau_Christine Knoblauch


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frauenzeit (donne di fronte/ frauen im gegenüber)

frauenzeit (donne di fronte/ frauen im gegenüber)

Maurizio Bonato: Ein künstlerischer Blick in die Sammlung des Frauenmuseum Hittisau
24.11.2018 bis 10.03.2019

Der Innsbrucker Künstler Maurizio Bonato setzt sich in seinem Langzeitprojekt „frauenzeit“ (donne di fronte / frauen im gegenüber) mit der Lebensrealität von Frauen im Krieg auseinander. Sein Projekt hat 2007 mit der Aufarbeitung eines Briefkonvoluts von Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg begonnen. Die Frauen stammten aus dem norditalienischen Dorf Posina. Nun hat er die Briefe und Fotos aus der Sammlung des Frauenmuseum Hittisau gesichtet, künstlerisch rezipiert und interpretiert.

Maurizio Bonato frauenheimarbeit 2018.jpg  Maurizio Bonato, frauen.heimarbeit, 2018 (Mischtechnik auf Folarex


Das Frauenmuseum Hittisau beleuchtet Frauengeschichte unter dem Aspekt des Verhältnisses der Geschlechter zueinander. Es geht dabei um die Frage, wie kulturelle Geschlechterrollen das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen geprägt haben. Die Sammlung des Frauenmuseum Hittisau weist eine repräsentative Anzahl an Feldpostbriefen und -karten auf. Die meisten stammen aus dem Nachlass der Familie Salzmann und geben Einblick in Alltagsfragen, Nachbarschaftsbeziehungen und wirtschaftliche Lage zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

 

Maurizio Bonato setzt Texte und Bilder zueinander in Beziehung. Seine teils großformatigen, auf transluzentem Folarex gezeichneten und gemalten Bilder greifen Fragmente aus Briefen und Fotos auf. Ein Teil der Briefe wurde auf Tonträger eingespielt. Die Schrift- und Tondokumente werfen Fragen auf: Wie stehen sie in Beziehung zu den Appellen österreichischer Tageszeitungen, nur fröhliche und aufbauende Briefe an die Männer an der Front zu senden? Wie spiegelt sich das geforderte „stille Erdulden und tapfere Ertragen“ in den Briefen wider? Was erzählen die Briefe über die dorfspezifische Frauen- und Geschlechtergeschichte? Das Schreiben von Briefen als ein rudimentärer Akt von Literatur wird zu einem Instrument der Aufklärung der Frauen über ihre soziale Stellung.


Das Projekt "frauenzeit" (donne di fronte / frauen im gegenüber)

Begonnen hat das Projekt, als Maurizio Bonato ein Briefwechsel in die Hände fiel, den Frauen von Posina, einem norditalienischen Dorf an der Grenze zum Trentino, mit ihren Männern an der Front des Ersten Weltkriegs geführt haben. Als der Künstler die Landschaft am Fuß des besonders hart umkämpften Monte Pasubio besuchte, um die Gedankenwelten dieser Briefe besser zu verstehen, fielen ihm die terrassierten Hänge auf. Diese Terrassen, die inzwischen mehr und mehr vom Wald zurückerobert werden, schreiben sich in den Landschaftsraum ein wie die Schriftzeilen den Papierblättern der erwähnten Briefe. Überraschenderweise ließen sich zwischen den Briefen und den Terrassen Ähnlichkeiten ausmachen. Sie enthalten eine ähnliche Gedächtnisspur: Es waren dieselben Frauen, die in der Zeit, als ihre Männer an der Front dienten, diese Terrassen mühevoll bearbeiteten.

Maurizio Bonato setzt Texte und Bilder zueinander in Beziehung. Die Briefe sprechen von der Verantwortung der Frauen für das männerlose Heim, aber ebenso von ihrer Unfreiheit durch die Kontrolle der Männer, die sie mittels der Briefe ausübten. Das Schreiben von Briefen als ein rudimentärer Akt von Literatur wird so geradewegs zu einem Instrument der Aufklärung der Frauen über ihre soziale Stellung.

Analog ließen sich die Landschaftstexturen der terrassierten Hänge lesen: Die schwere Arbeit, welche die Frauen dort verrichten mussten, ließ sie in vergleichbarer Weise über ihr Schicksal reflektieren. Bonato liest beide Texte als Dokumente einer Selbstbewusstwerdung der Frauen und wertet sie als ein Agens ihrer Emanzipation. Zu sehen sind einerseits großformatige, auf Transparentpapier (Folarex) gezeichnete und gemalte Bilder, die Fragmente aus Briefen und Fotos zeigen, andererseits werden die Originaldokumente mit den Bildern in Beziehung gebracht. Ein Teil der Briefe ist auf Tonträger eingespielt.

DSC08626.jpeg   DSC08642.jpeg Maurizio Bonato, Ohne Titel, 2018 (Mischtechnik auf Folarex)




Maurizio Bonato zum seinem Projekt



„Grundsäztlich interessiert mich das Thema der Frauenemanzipation sehr: Ich bin bedingungslos für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Ich behaupte zusätzlich, dass Männer sich emanzipieren müssen und zwar vom vorgeschriebenen und tradierten Zwangskorsett der sogenannten männlichen Vorstellungen und Eigenschaften.

Dies war vermutlich die Grundlage für mein Interesse für dieses Thema. Der Zufall hat mir aber die verschiedenen Anregungen wie Briefe, Fotos und verschiedene direkte und indirekte Informationen während eines Arbeitsaufenthaltes nahe des Pasubio bei Vicenza zugespielt. Diese habe ich assoziativ zusammengestellt. Es folgten weitere Recherchen an Ort und Stelle, später in Tirol und letztlich im Bregenzerwald, die meine Arbeit ergänzten. (siehe beigelegte Texte)

Der Titel „frauen im gegenüber“ entstand aus dem Versuch, den italienischen Titel „donne di fronte“ (=Frauen an der Front) zu übersetzen. Das italienische di fronte auch mit gegenüber übersetzt werden. Gegenüber ist hier als sich selbst gegenüber, sich selbst reflektierend gemeint. Zusätzlich habe ich für den letzten Abschnitt des Projektes den Titel „frauenzeit“ als Zitat aus einem der Interviews gewählt. Letztlich ist nun der gesamte Titel "frauenzeit"  (donne di fronte / frauen im gegenüber) entstanden.

Die landschaftliche Struktur, die durch Jahrhunderte die Tälern am Fuße des Monte Pasubio bis zu einer Höhe von ca. 1000 Meter dominiert hatte, ist heute nur in einem reduziertem Maß geblieben: Der Wald hat den fruchtbaren Boden zurückerobert, da die landwirtschaftliche Bewirtschaftung stark zurück gegangen ist.Heute kann man diese Stützmauern in den Wäldern sehen und im Winter erahnen, wenn die Vegetation ohne Laub ist.

Der intensive Briefwechsel während des Ersten (aber auch des Zweiten) Weltkrieges sind beeindruckende schriftliche Zeugen von Bevölkerungsteilen und besonders der Frauen, die bis damals kaum dokumentiert zu Wort kamen. Die Sprache ist oft sehr ungeübt und rudimentär, viele Worte werden aus dem Dialekt in die Schrift übertragen: es entstehen neue Vokabel; Laute oder dialektale Aussprache finden direkten Eingang in die Schrift. Es sind große Sorgen, die Ausdruck finden, aber auch Kontrolle seitens der Männer.

Frauen werden sich ihrer Rolle als für die Familie Verantwortliche bewusst, gleichzeitig ihrer Unfreiheit und Unterdrückung. Man könnte eventuell behaupten, dass diese Dokumente (im Ersten und Zweiten Weltkrieg ) vielleicht ein neues Bewusstsein der Frauen entstehen haben lassen. Vielleicht bildeten sie die Grundlage der Emanzipationsbewegung der Frauen. Die Frauen der Gegend aus der vergangenen Zeit habe ich aus den Fotos auf den Friedhöfen entnommen, aber auch aus der Gegend, während meines Aufenthaltes im Juni 2007 in Posina .

Durch Überarbeitungen aus den Fotos, Skizzen, Durchzeichnungen aus dem Computer und Filmen, sind mir einige dieser Frauen vertraut geworden: „Sie sprachen zu mir“ und so fanden sie Platz auf meinen Bildern. In einem zweiten Teil der Arbeit habe ich einige Frauen aus dieser Gegend interviewt, ich habe sie nach ihren Erinnerungen an die Arbeit in den Feldern und das Leben jener Zeit gefragt. Dem gegenüber habe ich Frauen in Österreich interviewt, die ich mit den Fakten aus der italienischer Gegend konfrontiert habe. Die daraus entstandene Arbeit besteht wiederum auch aus Videos, Fotos, Skizzen und Bilder.

In einem aktuellen Abschnitt erweitere ich das Projekt, indem ich mich mit den Frauen im Bregenzer Wald anhand von Briefmaterial aus dem Archiv des Frauenmuseums Hittisau aus der Zeit um den II. Weltkrieg sowie  Fotomaterial und Eindrücke vor Ort befasse. Die daraus resultierende persönliche Wahrnehmung ihrer Situation in der damaligen Zeit versuche ich in Bildform wiederzugeben.
Dabei werden von mir die oft nicht gesehene, schwere Verantwortung für Familie und Haushalt, die Zuständigkeit für alle menschlichen Belange, aber auch die Heimarbeit, die lange notwendig war als Einkommenquelle, sowie das enge Korsett des sozialen Verbandes in den Dörfern thematisiert.