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DIE TOLLKÜHNEN FRAUEN

DIE TOLLKÜHNEN FRAUEN

13. Mai 2012 bis 31. März 2013

Eine Ausstellung über Luftakrobatinnen, Raubtierdompteusen, Kunstreiterinnen, Gladiatorinnen, Seiltänzerinnen, Muskelfrauen, Trapezkünstlerinnen, Jongleurinnen und Zirkusdirektorinnen.

Zirkuskünstlerinnen haben sich seit jeher als starke, unabhängige und durch und durch mutige Frauen präsentiert. In der Arbeits- und Berufswelt des Zirkus waren Frauen und Mädchen von Anfang an integriert.

Ihnen standen alle Positionen in der Zirkushierarchie offen. Sie arbeiteten als Kunstreiterinnen, Dompteusen, Sensationsartistinnen, Seiltänzerinnen, Schlangenfrauen oder Jongleusen, aber auch, wenn auch weitaus seltener, als Clownessen oder Zauberinnen. Einige von ihnen waren auch Zirkusdirektorinnen.
 
Der Zirkus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war ein Ort großer Widersprüche. Artistinnen konnten hier zum einen eigenständig arbeiten und auch sehr gut verdienen. Sie reisten um die Welt und erprobten alternative Lebens- und Liebesmodelle – jenseits der normativen Geschlechterrollen von Ehefrau, Mutter, Hausfrau. Etliche der „großen Nummern“ verzichteten auf Heirat und Mutterschaft und lebten beispielsweise in „wilder Ehe“ oder in lesbischen Liebesbeziehungen. Gleichzeitig war der Zirkus ein Ort strenger Hierarchien und Regeln, denen sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unterwerfen hatten.

Das Frauenmuseum widmet sich in dieser von Brigitte Felderer in Zusammenarbeit mit Stefania Pitscheider Soraperra kuratierten und von Raja Schwahn-Reichmann gestalteten Eigenproduktion den Biographien vieler dieser Frauen, zeigt ihren Glanz und ihre Selbstbestimmtheit, geht aber auch Fragen von Ausgrenzung, Ausbeutung und unzureichender Altersabsicherung nach.


Muskelfrauen

Kraftakrobatinnen standen in offensichtlichem Widerspruch zu allen Tugenden, die von einer bürgerlichen Frau verlangt wurden. Frauen wie die Wienerin Katharina Brumbach, alias „Sandwina“ oder die Belgierin Miss Athléta beeindruckten durch unvorstellbare Körperkraft. Sie stemmten mehrere Männer gleichzeitig, ließen sich von Autos überrollen und jonglierten mit Kanonenkugeln.
„Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das lehren die weiblichen Akrobaten", sagt die Frauenrechlerin Lily Braun in ihrem Buch "Die Frauenfrage" (1901, S. 189).
 
Dompteusen
Frauen im Raubtierkäfig übten von Anfang an eine besondere Anziehungskraft auf das Publikum aus. Zu den weltweit bekanntesten frühen Dompteusen gehören die Österreicherin Miss Senide – sie trat in exotisch-freizügigen Kostümen auf – und Tilly Bébé, die sich als kindlichen Backfisch inszenierte. Die Deutsche Claire Heliot zeigte sich gerne in bürgerlich-viktorianischer Aufmachung, was ihren Vorstellungen eine besondere Ironie verlieh, während die Amerikanerin Mabel Stark durch eine Dressur mit 18 Raubkatzen alle Rekorde brach.
Nicht selten übernahmen Ehefrauen und Töchter den Betrieb nach dem Tod des Prinzipalen. Einige erfolgreiche Artistinnen gründeten auch einen eigenen Zirkus. Die Position einer Zirkusdirektorin war für Frauen außergewöhnlich: Sie waren Managerinnen, führten die Personalagenden, kümmerten sich um die Ausbildung. Viele Prinzipalinnen traten selbst als Artistinnen oder Kunstreiterinnen auf.

Kunstreiterinnen und Trapezkünstlerinnen

Die Kunstreiterinnen und Seiltänzerinnen im Zirkus des 19. Jahrhunderts lassen sich mit heutigen Stars vergleichen. Artistinnen wie Käthchen und Therese Renz oder Caroline Loyo verdienten sehr hohe Gagen und reisten um die ganze Welt. Oft erlangten auch Trapezkünstlerinnen und Seilakrobatinnen großen Ruhm.
Maria Spelterini überquerte 1876 als erste Frau die Niagarafälle auf einem Seil – mit verbundenen Augen und rückwärts.

Zirkusdirektorinnen
Einige erfolgreiche Artistinnen, z.B. die Wienerin Miss Senide, gründeten ihren eigenen Zirkus. Nicht selten übernahmen auch Ehefrauen und Töchter den Betrieb nach dem Tod des Prinzipalen (z.B. Therese Renz). Die Position einer Zirkusdirektorin war für Frauen lange Zeit außergewöhnlich. Wie waren umtriebige Managerinnen und bewältigten ohne Weiteres die komplizierte Logistik eines Zirkusbetriebes.

"Freaks"
Oft wurden Menschen mit normabweichenden körperlichen Unterschieden öffentlich zur Schau gestellt. Vieler dieser sogenannten „Freaks“ waren Frauen. Diese Schaustellungen waren meist kolonial, rassistisch und grausam, wie im Fall der aus Mexiko stammenden, an Hypertrichose leidenden Julia Pastrana, die als „Affenfrau“ beworben wurde. Ebenso wurde die Südtirolerin Maria Fassnauer als „Riesin von Ridnaun“ auf Jahrmärkten vorgeführt. Für die aus Ludesch in Vorarlberg stammende Antonia Matt – sie war ohne Beine geboren worden - bedeutete eine Karriere im Zirkus aber auch eine Form von Selbständigkeit und Wohlstand.


Die Ausstellung wurde von Brigitte Felderer in Zusammenarbeit mit Stefania Pitscheider Soraperra kuratiert.
Künstlerische Gestaltung: Raja Schwahn-Reichmann
Wissenschaftliche Recherche: Helma Bittermann
Mit einem künstlerischen Beitrag von Regina Götz und einem Videointerview mit Mariza Üstün.

Die Ausstellungsmacherinnen

Die Kulturwissenschafterin Brigitte Felderer ist Gastprofessorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien und hat zahlreiche Ausstellungen kuratiert, darunter "phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium" am ZKM in Karlsruhe und "Zauberkünste in Linz und der Welt" am Nordico Museum Linz im Rahmen von Linz09.

Die Malerin und Bildhauerin Raja Schwah-Reichmann hat an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert, wo sie auch Lehrbeauftragte für historische Maltechniken war. Ihre als Gesamtkunstwerke konzipierten Festgestaltungen sind gegenständlich-figurativ und haben meist performativen Charakter. Raja Schwahn-Reichmann hat für den Life-Ball, die Barockopern auf Schloss Damtschach, das Wiener Lustspielhaus und das Barockfest Schlosshof gearbeitet. 2009 erhielt sie in Italien den renommierten Premio Mantegna.

Stefania Pitscheider Soraperra ist Kunst- und Architekturhistorikerin und leitet seit 2009 das Frauenmuseum Hittisau.

Mariza Üstün wurde in Lustenau geboren und ist ein echtes Zirkuskind. Mit ihrer Familie — der Vater ist der berühmte Clown Galetti, die Mutter war Seiltänzerin — hat sie für die renommiertesten Zirkusse Europas gearbeitet und ist jahre lang durch zahlreiche Länder getourt.

Pressestimmen:

Wiener Zeitung, 13.09.2012